Ruck und Mut, Wille und Kraft

Von Wolfgang Schneider

Kulturelle Bildung braucht KulturpolitikWolfgang Schneider

Kulturelle Bildung hat Konjunktur. Seitdem PISA Deutschland geschockt haben soll, weiß ein jeder Politiker im Lande den Begriff zu buchstabieren; seitdem die Kommunalaufsichten zur Haushaltskonsolidierung mahnen, schreiben die Theaterintendanten, Museumsdirektoren und Bibliotheksleiter in ihren Programmen, dass sie ihre Arbeit schon immer im Dienste dieses Phänomens verstanden haben; seitdem in diesen Zusammenhängen die Kulturlandschaft von privaten Stiftungen entdeckt wurde, gibt es Podien, Projekte und Postulate. Fragt sich nur, mit welchen Konzeptionen; fragt sich nur, mit welchen Konsequenzen; fragt sich nur mit welcher Nachhaltigkeit?

Fünfzig Jahre nach Gründung der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung ist viel erreicht. Jugendpolitik, Bildungspolitik und Kulturpolitik sind in Bewegung. Die Trägerlandschaft der Kulturellen Bildung hat sich ausdifferenziert, in der Tat gibt es mehr Angebote als je zuvor. Noch nie wurde so viel musiziert, getanzt und Theater gespielt; das Lesen ist immer noch eine der wichtigsten Kulturtechniken, Hören und Sehen kann man in den Institutionen der Darstellenden Künste lernen, die mit rund drei Milliarden Euro jährlich öffentlich gefördert werden. Soweit, so gut. Das Zentrum für Kulturforschung holt uns aber gelegentlich wieder auf den Boden der Tatsachen: Die Empirie erforscht, dass nur 8 % der Bevölkerung zu den regelmäßigen Nutzern dieser Kulturbetriebe zählen, dass die Jugend einen ganz anderen Kulturbegriff lebt und dass das Kulturangebot in Deutschland noch immer weit weniger international ist als die Vielfalt der Herkunftsländer seiner Bürger. Was wäre, wenn jetzt alle oben erwähnten Beteiligten der Kulturellen Bildung eine Chance gäben, die Zukunft zu gestalten? Was wäre, wenn die Visionen von heute Praxis würden? Was wäre dann, wenn die BKJ ihr 75. Jubiläum feiern und dann erneut auf die Leistungen des Verbandes zurückblicken könnte? Ich will das schon heute gerne tun; denn ich kann mir nicht sicher sein, dann noch dabei zu sein. Und die Einladung zum Schreiben, die habe ich jetzt erhalten und nutze sie, mit Zweckoptimismus. Beispielhaft will ich beschreiben, was sich bis 2038 an drei Baustellen der Kulturellen Bildung getan haben müsste.

Die Schule als Kulturelle Bildung

Ja, es gibt das Fach Kulturelle Bildung; ja, es gibt die Kulturschule; ja, es gibt die kulturelle Schulreform. Mitten in den Schulzentren gibt es drei Gebäude, die räumlich, zeitlich, vor allem aber curricular das zentrale Profil der Bildungsanstalt tragen: Ein Labor der Künste, eine Werkstatt zum Ausprobieren, ein Hort des Experimentierens mit Farben und Formen. Was früher in so genannten Arbeitsgemeinschaften eher nachmittags mehr schlecht als recht angeboten wurde, ist nun ganztags dem handwerklichen Wirken zugänglich. Daneben steht das Theater, eine Black Box, eine Probebühne, die rund um die Uhr alle zum Theaterspiel in Gruppen einlädt. Manche heißen „Proletarisches Kindertheater“ und erinnern an ein Programm des Philosophen Walter Benjamin; andere nennen sich „Erich Kästners Kindertheaterhaus“ und nehmen Bezug auf ein Modell des Schriftstellers, das dann schon vor hundert Jahren die Darstellenden Künste als Erfahrungsspielraum beschrieben hat. Und dazwischen steht die Mediothek, wo es noch echte Bücher gibt, wo erzählt wird und die digitalen Kulturen genutzt werden können. Das alles ist möglich, weil die Idee von Schule überdacht wurde. Und nach dem großen Aufräumen der Stundentafeln gibt es jetzt Projektwochen, das ganze Jahr, mit Künstlern in der Schule und in vielfältiger Kooperation in den Kultureinrichtungen.

Das Theater als Kulturelle Bildung

TanzZeit Jugendcompany EVOKE beim BKJ-Jubiläum am 28.11.2013
TanzZeit Jugendcompany EVOKE beim BKJ-Jubiläum am 28.11.2013

Aus den Stadttheatern wurden Theaterhäuser, aus den Landesbühnen theatrale Einsatzkommandos außerhalb der Städte, die früher so genannten Freien Gruppen sind integraler Bestandteil einer Theaterlandschaft. Es gibt Amateurtheater und Schultheater, es gibt Kindertheater und Seniorentheater, es gibt vor allem interdisziplinäre Projekte, die eine klassische Trennung nach Schauspiel, Ballett und Musiktheater überflüssig machen. Zentraler Arbeitsbereich ist die Kulturelle Bildung, nicht mehr Appendix als Theaterpädagogik, sondern im Sinne eines Audience Development Bestandteils eines jeden Projekts. Denn die Teilhabe ist wichtigste Kategorie des künstlerischen Schaffens geworden. Es gibt also viel mehr Theater, weil viel mehr partizipieren. Nicht mehr nur im Theaterhaus, sondern an allen Orten, nicht mehr nur als Schauspielertheater, sondern auch als Bürgerbühne. Des Bürgers Bühne? Ja, jetzt könnte sich das Theaterhaus wieder Stadttheater nennen, denn es ist das Theater der Stadt, aller Städter! Alle Kinder und Jugendlichen, von der Kinderkrippe über die Vorschule bis zur Ganztagsschule, von der ersten bis zur zehnten Klasse, haben einen kulturellen Schulrucksack. Wie früher in Nürnberg, wo sie Theaterangebote verbindlich buchen konnten. Sie haben freien Eintritt. Wie früher in Bremen, wo aus einem ersten Modellversuch Künstler und Schüler das MOKS Theater als Teil der Schulpolitik entstehen konnte. Es geht um die Zuschaukunst und es geht um das eigene dramatische Kreieren.

Das Bürgerhaus als Kulturelle Bildung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man auch auf dem Lande das kulturelle Leben befördern. So genannte Dorfgemeinschaftshäuser wurden geschaffen, für Feiern und Feste, für künstlerische Gastspiele und sportliche Wettkämpfe. Als sie in Bürgerhäuser umbenannt wurden, waren sie oft nur noch leere Hallen, die vermietet wurden. Aber neue Bürgerinitiativen haben sie wieder ins Zentrum der kommunalen Kommunikation gestellt. Und mittels Kultureller Bildung zu Orten der lokalen Aktivitäten und des internationalen Austauschs gemacht. Die Dorfkultur lebt, im Blick zurück und im Blick nach vorne, mit selbst Gemachten und Eingekauften. Nun kommen die Städter auf’s Land. Weil in den Bürgerhäusern das authentische Programm präsent ist: Die Sammler stellen aus, die Kulturen erinnern an Tradition, die nicht-kommerzielle Unterhaltung regt zum gemeinschaftlichen Singen und Tanzen an. Vereine in ihrer bisherigen Struktur hatten keine Zukunft, aber bürgerschaftliches Engagement hat sich zusammen gefunden, um Freizeit sinnvoll zu nutzen, ganz oft auch in solidarischem Handeln und karitativen Aktionen. Hier hat sich in der Praxis gezeigt, was gemeint war als man Kulturpolitik in der Theorie gerne als Gesellschaftspolitik definiert hat.

Kulturelle Bildung als Utopie?

All das klingt nicht gerade überraschend, vieles ist ja zum Thema gedacht, wenig wirklich realisiert. Insofern ist es nur eine Fortschreibung der Forschungen. Und es bleibt die Hoffnung, dass alles ganz anders wird. 2038. Nämlich noch viel besser. Dazu gehört in der Tat eine konzeptionelle Kulturpolitik, die sich nicht nur von Haushalt zu Haushalt hangelt, sondern die durch Kulturentwicklungsplanungen weiß, wo sie hin will und dies als gemeinsamen Auftrag von Staat und Zivilgesellschaft umzusetzen versucht. Stillstand ist auch hier Rückschritt. Nur wenn sich etwas ändert, bleibt die Kulturelle Bildung auf der Agenda. Und das gilt erst recht für die Bildungspolitik. Die Referate in den zuständigen Ministerien sind schon mal existent, allein sie sind Placebo für’s Volk. Es fehlen der Ruck und der Mut, es fehlen der klare Wille und die Kraft, nicht alles zu vereinheitlichen, sondern vieles zu individualisieren. Denn auch das wird die Zukunft zeigen, es gibt nicht eine Kulturelle Bildung; die Vielfalt der Erscheinungsformen, der Formate, der Konzepte entscheidet über die Qualität der Bildungsrepublik Deutschland. Und dafür braucht es neue Kräfte, gut ausgebildet in den Kultur- und Erziehungswissenschaften. Aber das ist noch eine andere Herausforderung. Für die nächsten 25 Jahre.

Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und Inhaber des UNESCO-Chair „Cultural Policy for the Arts in Development“, Vorsitzender der ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland e. V. und Ehrenpräsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche.

bkj_KulturBildg_11_13_web-1Dieser Beitrag stammt aus dem Magazin KULTURELLE BILDUNG Nr. 11, das anlässlich des 50. Jubiläums der BKJ 2013 als Doppelausgabe unter dem Titel „50 Jahre BKJ – 50 Jahre für Jugend Bildung Kultur“  erschienen ist. Das 100 Seiten umfassende Heft kann im Online-Shop der BKJ zum Preis von 8 Euro bestellt werden.

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