Mut zur Freiheit!

Von Helle Becker

Helle BeckerEine Provokation

Ich habe durch die Kunst gelernt, wer ich bin. Und ich habe durch die Kunst gelernt, was Politik ist. Ich habe etwas über Geschichte, Ideologien, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, etwas über die Deutung dieser Zusammenhänge, über Widersprüche, Utopie und Gesellschaftsentwürfe gelernt. Vor allem aber hat mich die Kunst – in meinem Fall die Literatur, das Theater und die Bildende Kunst – gelehrt, dass man alles in Frage stellen darf, dass nichts so sein muss, wie es ist, und insbesondere, dass man fragen und bezweifeln darf, ohne schon eine Lösung zu wissen.

„Kunst ist die Antithesis zur Gesellschaft“ habe ich später bei Adorno gelesen, das hat mir aus der Seele gesprochen. Da war ich schon im Studium und mitten drin in der heißen Phase „meiner“ kulturellen Bildung. Ich hatte Theaterwissenschaft und Theaterspielen gelernt, Literaturtheorie und -kritik, Kunstgeschichte. Ich hatte anhand hermeneutischkritischer und strukturalistischer Erklärungsmodelle verstanden, warum Kunst Erkenntnisse produziert, die nichts sonst liefern kann. Dass Kunst nicht in einem Dualismus von Form und Inhalt aufgeht, so als würde man eine Idee nur schön verpacken, sondern dass diese Idee sich nur in einer ihr adäquaten Struktur realisiert und außerhalb davon quasi – noch – nicht existiert. Dass Künstler/innen sich über die vorhandenen Bedeutungen, die gesellschaftlich, historisch, politisch, moralisch vermittelt sind, hinwegsetzen können, und sich damit immer auch in einen Widerspruch zum Bestehenden stellen. Dass Kunstwerke in der Lage sind, die konventionelle Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem, von Anschauung und Begriff, zu stören, die gedanklich vertraute und selbstverständlich wahrgenommene Verbindung zu sprengen. Dass sie die übliche Sicht auf die Dinge aufheben und damit eine Freiheit des Denkens und Fühlens eröffnen, die diskursiv, also anhand vorhandener Begriffe, nicht zu erlangen ist. Das mit der Aufhebung der Selbstverständlichkeit von der Einheit von Anschauung und Begriff die Macht des Begriffs – und damit bestehender Definitionen von dem, was ist und was sein sollte – gebrochen wird.

Nichts hat mir seitdem so eingeleuchtet, nichts mir so klar erklärt, was ich von klein auf ganz sicher wusste, ohne es benennen zu können: Dass mir nur die Kunst mein Leben retten würde. Weil sich Kunst im Verhältnis von Individuum (künstlerische Sprache und Eigensinn) und Gesellschaft (Begriff und Bedeutung) immer als Anwalt des Individuums und der Freiheit der Gestaltung seiner gesellschaftlichen Verhältnisse darstellt. Auch alles Wissen über idealistische Kunst- und Kultur-Ideologien, über den Missbrauch dieses Potenzials in Kulturindustrie und Werbung haben mir die Erfahrung des utopischen Potentials der Kunst nicht zerstören können. Bis heute kann mit nichts das Freiheitsgefühl vermitteln, was mir ein Theaterstück, ein Roman, eine Oper oder – wie gerade in Hamburg zum 70. Jahrestag des Feuersturms – eine Aufführung von Benjamins Brittens „War Requiem“ ermöglicht: Die Freiheit, Zustände nicht unbefragt zu lassen, nicht das Bewusstsein verschwinden zu lassen, dass alles anders – besser – sein könnte, als es ist. Den Mut, Widersprüche und Antinomien auszuhalten, in der Gewissheit, dass sie es sind, die Neues hervorbringen und Veränderungen garantieren.

Fotogruppe Schmidt & Vader, 2002 // Deutscher Jugendfotopreis / DHM
Fotogruppe Schmidt & Vader, 2002 // Deutscher Jugendfotopreis / DHM

Warum schreibe ich dieses sentimentale Bekenntnis just zum 50. Jubiläum der verbandlichen Kulturellen Bildung? Weil sich das Potential von Kunst nicht einfach so entfaltet. Man muss in der Lage sein, gleich ob als Rezipient oder Produzent, künstlerisches Material zu erkennen, die prinzipiell unendlichen Bedeutungsstrukturen eines Werks, die sich quasi in jeder Sekunde, in der sich die Welt verändert, mitverändern, zu aktivieren. Man muss es lernen, nicht zurückzuschrecken vor dem Fremden, das die Kunst beschwört, und der Fremdheit, die eine Sprache vermittelt, die man nicht auf Anhieb versteht. Die Fähigkeit, Bestehendes ästhetisch zu überschreiten, aufzuschließen, muss man lernen. Ich habe das gelernt. Mühsam. Denn leider gab es dort, wo ich aufgewachsen bin, noch keine Jugendkunstschule, keine Theater-AG, keine Stadtteilaktionen, keine Kinder- und Jugendbibliothek. Die Impulse blieben zufällig. Es gab eine Tante, die Kafkas Kurzgeschichten verschenkte, es gab einen Aushilfs-Kunstlehrer, der Maler war (Lehrermangel!) und uns nichts mehr abmalen, sondern Bilder-Geschichten zu Farben erfinden ließ. Und es gab einen Deutschlehrer, der mit uns aus vier Perspektiven Lektüren zum 30-jährigen Krieg las: Gryphius, Schiller, Brecht und Peter Hacks. Ich verschlang den Kafka, stahl mich nachmittags in öffentliche Proben des Stadttheaters (abends durfte ich nicht), übersetzte mir Bob Dylan und zeichnete stundenlang an meinem Schreibtisch leere Landschaften. Ich hatte, woher auch immer, ein – allerdings sehr einsames – Interesse an diesen Ausdrucks- und Rezeptionsmöglichkeiten, das mich immerhin bis in ein entsprechendes Studium trug. Bis heute bedaure ich, dass es für mich keine außerschulische Kulturelle Bildung gab, die die jugendlichen Gefühle, Ahnungen, Gedanken, auch die Fähigkeiten und Fertigkeiten hätte adäquat aufnehmen und mir hätte helfen können, sie weiterzuentwickeln.

Noch einmal: Warum schreibe ich das zu einem Jubiläum der Kulturellen Bildung? Weil ich daran erinnern möchte, dass nur sie Kindern und Jugendlichen den Zugang zur Kunst als Widerspruch, Kritik, Freiheit eröffnet. Die Begründungen, mit denen man in den letzten Jahren für eine „Kulturelle Bildung als Allgemeinbildung im Medium der Künste“ wirbt, gehen am Kern dieses Alleinstellungsmerkmals vorbei. Kunst ist Allgemeinbildung, nicht ihr Medium! Der Preis für derart schwiemelige Formeln ist die zweckrationale Indienstnahme wie die Betonung von „Kreativität, Teamgeist, Anstrengung“ und der beglückenden Erfahrung „Ich kann etwas!“, Kulturelle Bildung als Mittel für sozialen Zusammenhalt und gesellschaftliche Integration (O-Ton des BMBF-Programms „Kultur macht stark!“). Teilhabe, Integration, Inklusion, die Ausstattung mit Schlüsselkompetenzen und „Selbstoptimierung“, wie es Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung genannt hat – damit wird Kulturelle Bildung im öffentlichen Diskurs zu einem Trostversprechen, das am Ende das Gegenteil von dem meint, was mir ihren Wert ausmacht.

Natürlich habe ich beim Theaterspielen gelernt, mich in eine Gruppe einzufügen. Ich habe bei der Rekonstruktion der deutschen Klassik viel über Geschichte gelernt. Ich war stolz, wenn eine Zeichnung von mir ausgestellt wurde. Aber das alles haben mir auch der Sport oder der Geschichtsunterricht gegeben. Den Zugang zur Kunst aber, die Entdeckung gesellschaftlicher Widersprüche, die Entlarvung von Ungerechtigkeiten, Ideologien und – ja, auch des erzwungenen, erwünschten oder vermeintlichen sozialen „Zusammenhalts“ – bietet nur Kulturelle Bildung. Sie sollte daher für mehr kritische, unwägbare, experimentelle, eigensinnige, auch unbeobachtete, unzensierte, chaotische, kulturelle und künstlerische Aktivitätsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen sorgen. Sie ist es, die sich zum Anwalt von Eigensinn (statt Gemeinsinn), von Individualität (statt Gruppenzwang) und von Widerstand (statt Wohlverhalten) machen sollte. Kulturelle Bildung ist durch nichts zu ersetzen. Und sie selbst sollte auch nichts anderes ersetzen. Kunst ist Kunst, sagt Ad Reinhard. Alles andere ist alles andere.

Dr. Helle Becker arbeitet mit ihrem Büro „Expertise & Kommunikation für Bildung“ als freie Wissenschaftlerin und Autorin und ist ehemalige Bildungsreferentin der BKJ.  

bkj_KulturBildg_11_13_web-1Dieser Beitrag stammt aus dem Magazin KULTURELLE BILDUNG Nr. 11, das anlässlich des 50. Jubiläums der BKJ 2013 als Doppelausgabe unter dem Titel „50 Jahre BKJ – 50 Jahre für Jugend Bildung Kultur“ erschienen ist. Das 100 Seiten umfassende Heft kann im Online-Shop der BKJ zum Preis von 8 Euro bestellt werden.

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