Drehpunktagentur

Rainer TreptowVier Bemerkungen zur BKJ

Die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (BKJ) kann in ihrer fünfzigjährigen Geschichte auf eine bemerkenswerte Differenzierung ihres Leistungsangebots zurückschauen. Es ist wohl nicht übertrieben, sie als eine der wichtigsten Einrichtungen der Bundesrepublik zu bezeichnen, die sich – durchaus mit lebhaften internationalen Kontakten – für den Erhalt und die Weiterentwicklung kultureller Angebote für Kinder und Jugendliche einsetzt. Teils mit ihnen zusammen, teils im Sinne kulturpädagogischer Zuständigkeit für Kooperationen von Fachkräften tut sie dies in den weiteren Bezugsfeldern der ihrer spielerischen Gesellungsformen und der Familien, der Schulen und sozialen Einrichtungen.

Nun würde es den Rahmen sprengen, das weite Spektrum der Themen, Projekte Stellungnahmen und Anregungen im Einzelnen aufzulisten und zu beschreiben. Daher kann sich eine anerkennende Betrachtung der Arbeit der BKJ nur auf eine Auswahl beziehen, um sich angesichts der Vielfalt der Themen auch nur ein annähernd angemessenes Bild zu machen. Dies geschieht in vier Bemerkungen.

Erstens macht die Differenzierung ihrer Aufgaben deutlich, dass die formale Struktur einer solchen Bundesvereinigung – zuerst mit der Geschäftsstelle in Remscheid am Küppelstein und später einer weiteren in Berlin – in manchem selbst die organisatorische Vielfalt der kulturellen Szenen zum Ausdruck bringt. Zugleich aber zeigen auch ihre Mitgliedschaften in einschlägigen Verbänden und ihre Beteiligungen an Initiativen, dass sie zu einer Drehpunktagentur für Information, Koordination, Vernetzung, Multiplikation und vielem anderen wurde, die einer sehr heterogene Landschaft Kultureller Bildung in einer föderalen Republik angemessen platziert ist. Früher hätte es vielleicht schick geklungen, sie einen „service-point“  zu nennen, doch das Plastikwort geht gar nicht.

Zweitens signalisiert dies verbandspolitische Bedeutung, eine fachliche Zuständigkeit für Fragen kinder-und jugendspezifischer kulturelle Bildung, die sich über die Dokumentationen, Broschüren und Stellungnahmen hinaus in einer eifrigen Publikationstätigkeit bemerkbar macht. Musik, Spiel, Theater, Tanz, Bildende Kunst, Literatur, Museum, Medien, Zirkus und kulturpädagogische Fortbildung – dies sind, jeweils für sich gesehen, überaus komplexe Terrains, die in ihrer inneren Beweglichkeit und Veränderungsdynamik eine Fülle von täglich zu bewältigenden Erwartungen aufwerfen. Suche und Gestaltung von Verbindungsmöglichkeiten zwischen künstlerischer Aneignungs- und Ausdruckstätigkeit und pädagogischen Bildungsmöglichkeiten folgt einem doppelten Anspruch, nämlich dazu beizutragen, Kompetenzen bei den Adressatinnen und Adressaten, den Kindern und Jugendlichen in ihren sozialen Bezugsrahmen zu entwickeln; zugleich aber die Kompetenzen der Fachkräfte zu steigern, sie in unterschiedlichen institutionellen Settings, ihren Traditionen und Traditonsbrüchen wahrzunehmen, zu achten, Anregungen, Begleitung, Organisation und Durchführung jener spartenspezifischen Qualitätsansprüche aufzunehmen und weiterzugeben.

Drittens: Ob es das Durchdeklinieren des sogenannten Kompetenzerwerbs in außerschulischen Theaterinitiativen und dessen Anerkennung durch entsprechenden Zertifizierungen ist, die Jugendliche ihren Schulzeugnissen beilegen können, um auf ihre sonst übersehenen, ja nicht sichtbar gemachten gestalterische Potentiale aufmerksam zu machen; ob es um die Organisation von Wettbewerben geht oder schließlich um die ständige Beteiligung an der Auswahl und finanziellen Förderung von Projekten innerhalb der Soziokultur – stets war und ist die BKJ vorne dabei. So lässt sich diese Vereinigung nicht nur als lobbyistischer Arm der in ihr vertretenen Mitgliedseinrichtungen sehen; vielmehr ist sie Impulsgeberin, Initiatorin, Profilbildnerin, die die teils diffusen Konturen des Handlungsfeldes zu schärfen verstand, sich dabei langsam für kritische Perspektiven öffnend und Kontroversen selbstbewusst austragend. Es ist nur konsequent, dass ein gewichtiger Anteil am Zustandekommen eines der Meilensteine im Formationsprozess der Kulturellen Bildung, das gleichnamige Handbuch, aus der Remscheid-Berlin-Connection stammt.

Viertens: War dies bereits eine Herausforderung, die erst einmal geschultert werden musste, so setzt die breit angelegte Anerkennung Kultureller Bildung als Forschungsfeld durch Wissenschaft und Politik neue Herausforderungen frei, die durch die damit forcierte Verwissenschaftlichung noch intensivere Auseinandersetzung mit Erkenntnisinteressen, Theorien und Methodologie verlangt. Das wird Einfluss auf das Menschenbild und die Begründung von Kulturprojekten haben. Es gilt, die Aufmerksamkeit, die dadurch gebunden wird, auch zukünftig kritisch mit der überlieferten Aufgabe abzugleichen, Kinder, Jugendliche, Professionelle und Ehrenamtliche, etablierte Einrichtungen und freie Kulturinitiativen zu hören, sie aufzusuchen und zu beraten, wie z.B. die Handlungsspielräume erhalten und noch erweitert werden können, besonders  wenn sie unter dem Druck fiskalischer Einsparungen so verengt sind, dass kaum noch Luft zum Tanzen bleibt. Dieses steht durchaus im Horizont der Themen Nachhaltigkeit, Qualitätssicherung, Internationalität – Stichworte, die die Menschen in der Organisation auch in den nächsten Jahren in Atem halten werden. So ist zu wünschen, dass die BKJ auch in Zukunft weiterhin das tut, was sie immer getan hat: die weite Welt der Kulturellen Bildung als demokratisches Recht, als Chance und Risiko zu unterstützen und zu gestalten.

Prof. Dr. Rainer Treptow, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen

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