Auf die Lehrerpersönlichkeit kommt es an!

Clemens Höxter
Clemens Höxter, BDK

Wenn ich mir was wünschen dürfte …

Der Stundenplan einer Schule darf nicht länger als etwas Gegebenes verstanden werden. Jede Schule muss für sich die Möglichkeit nutzen, eine Zeitstrukturierung zu finden, die hilft, ihre Vorstellungen von Lernen bestmöglich umzusetzen. Rhythmisierung, Zeitstrukturen, Stundentaktung sind somit notwendige, aber bedingte Faktoren eines sinnreichen Lernens in der Schule.

Rhythmisierung im Ganztag ist nicht nur eine Frage veränderter Zeiteinteilung. Sie geht mit einer Weiterentwicklung der Unterrichts- und Schulkultur einher. Das Spektrum der Ansätze ist weitreichend: vom Wechsel der Unterrichts- und Sozialformen im Rahmen größerer Zeitblöcke über die Durchmischung von Unterrichts-Vormittag und Angebots-Nachmittag bis hin zur teilweisen Auflösung des Fachunterrichts in Wochenplan- und Projektarbeit oder selbst gesteuerten Lernformen, z. B. mit Lernplanern oder Portfolios. Konzentriertes Lernen im Klassenverband, allein oder in unterschiedlichen Gruppen, Pflege sozialer Beziehungen und individueller Interessen, selbst bestimmte und gestaltete Aktivität – für all das kann der Ganztag mit dem richtigen Konzept Zeit und Raum bieten. Wie bei einem guten Musikstück muss der gesamte Schultag von der Ausgewogenheit an Anspannungs- und Entspannungsphasen entsprechend der gewählten Unterrichtsmethoden geprägt sein.

Mit der Ganztagsschule verbindet sich der Anspruch einer Stundentaktung, die konzentriertes Arbeiten an wenigen Inhalten ermöglicht, einer Pausenregelung, die Zeit zum Umdenken lässt, einer Praxis von notwendigen Übungs- und Festigungsaufgaben, die weitgehend in der Schule erledigt werden, und eines Bildungsangebotes, das über den reinen Fachunterricht hinausgehend sich auch an den Interessen der Schülerinnen und Schüler orientiert.

Die Vielfalt der Ganztagsangebote, ihre Menge und Qualität beruhen wesentlich auch auf den Leitern und Anbietern der Ganztagsangebote. Es ist daher unbedingt erforderlich, Erwartungen von Schule und Trägern kooperativer Ganztagsangebote miteinander abzustimmen. Dazu gehört auch eine Wertschätzung außerschulischer Mitarbeiter im Ganztag durch das Kollegium. Insbesondere bei schulfachorientierten Angeboten ist eine Zusammenarbeit von Fachlehrkräften und Mitarbeitern eine wichtige Voraussetzung für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler.

Entsprechend den Prinzipien der Gedächtnisbildung muss das schulische Lehren und Lernen neu strukturiert werden: Eine neue Rhythmisierung des Ganztagsschulbetriebs und eine „hirngerechte“ Methodik sind notwendig.

Eine herausforderungs- und anstrengungsfreie Schule ist problematisch. Lernen ist allenfalls im Kleinkindalter anstrengungsfrei, danach geht der Grad der Anstrengung direkt in den Lernerfolg ein, konstatiert die Neurobiologie.  Aber Anstrengung ist nicht zu verwechseln mit psychischem Stress und Angst, die erfolgreiches Lernen und die Gedächtnisbildung blockierten. Bei der Balance zwischen Herausforderung und Angst ist das Feingefühl des Lehrers in besonderem Maße gefordert.

Ebenso wichtig wie Schulform, Länge des Schultages, sozial-räumliche Gegebenheiten des Schulumfelds und Rhythmisierungen von Schule und Unterricht ist die Lehrerpersönlichkeit. Der Mensch, an den man sich auch nach 30 Jahren noch erinnert, weil er es verstanden hat, zu berühren, ohne an Respekt einzubüßen. Jemand, der Wege aufgezeigt hat. Einer, dem es egal ist, welche methodischen Feinsinnigkeiten gerade angesagt sind, der danach handelt, was Kopf, Herz und Hand ihm sagen, nicht das pädagogische Lehrbuch. Was zählt, ist der einzelne Lehrer. Wie bereitet er den Stoff auf? Erreicht er die Kinder? Kann er sich für das, was er da unterrichtet, selbst begeistern? Die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns werden in erster Linie durch Beachtung, Interesse, Zuwendung und Sympathie anderer Menschen aktiviert. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch. Derjenige, der einem sagt: „Ich seh dich.“

Vertrauenswürdig wird ein Lehrer, indem er auf seine eigenen Kräfte vertraut, fachlich kompetent ist, auf die individuellen Eigenheiten der Lernenden eingeht, gerecht und verlässlich ist und einen klar strukturierten Unterricht mit klar formulierten Ansprüchen durchführt. Ich glaube, man muss wahrhaftig sein und das auch vor der Klasse aushalten können. Kollegen, die das nicht mitbringen, versuchen ihren Stand durch eine vorgeschobene Maske der Methodik und Didaktik zu sichern, hinter der der Mensch zurücktritt.

Auf den Lehrer kommt es an, auf einen, von dem die Schüler lernen können, was es heißt, Lehrer zu sein: Gäbe es dann nicht längst für alle Lehramtsanwärter eine selbstständige, sehr stark praxisbezogene Ausbildung?

Clemens Höxter, Leiter des Referats „Kulturelle Bildung“ des BDK – Fachverband Kunstpädagogik

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